6. November 2015

Wie Wohnprojekte und Wohnungsunternehmen ihre Partnerschaft gestalten

Dieser erste Wohngruppentag in Rheinland-Pfalz verfolgte das Ziel, Erfahrungen der Zusammenarbeit zwischen Wohnungsunternehmen und Wohnprojekten auszutauschen und an solche Gruppen weiterzugeben, die sich noch in der Phase der Orientierung befinden. Erfreulicherweise gehörten mehr als die Hälfte der anwesenden ca. 100 Personen einer solchen Gruppe an.  Diese Tatsache wurde als Ausdruck des weiter wachsenden Interesses am gemeinschaftlichen Wohnen verstanden. Im Übrigen war im Verlauf des ganzen Tages zu erkennen, was es bedeutet, wenn eine Landesregierung – vor allem auch in Person der Ministerpräsidentin Malou Dreyer – sich selber eines Themas annimmt und eine solche Veranstaltung finanziert.

Zusammen mit einigen anderen Wohnprojekten war auch der LebensAlter e.V. eingeladen worden, sich in zwei Präsentations- und Diskussionsrunden dem Publikum vorzustellen. Speziell ging es dabei um das eher ungewöhnliche Modell einer Partnerschaft zwischen einem eingetragenen Verein und einer ortsansässigen Baugenossenschaft. Als andere Modelle kamen zuvor das Mainzer Projekt Vis-a-Vis mit seinem Partner, der Wohnbau Mainz GmbH, der WIA e.V. Wiesbaden mit dem Gemeinnützigen Siedlungswerk FfM und die WoGe Marburg mit der Nassauischen Heimstätte ausführlich zu Wort.

Der Partner des LebensAlter e.V., die Gemeinnützige Baugenossenschaft Mainspitze eG, konnte an dieser Veranstaltung leider nicht teilnehmen. So konnte von den Ginsheimer Erfahrungen nur der Verein LebensAlter aus seiner Sicht berichten. Als Vorsitzender des Vereins übernahm Georg Pape diese Aufgabe. Die Anwesenheit der Baugenossenschaft hätte jedoch Sinn gemacht. Denn aus dem Publikum kamen besonders zu diesem Kooperationsmodell intensive Fragen. So ging es um die Doppelmitgliedschaft in Baugenossenschaft und Verein, um die einzuzahlenden Genossenschaftsanteile und die Besonderheiten des Dauernutzungsrechtes, das vom Vermieter deutlich schwerer aufkündbar ist als ein normaler Mietvertrag. Anders als in allen anderen präsentierten Projekten existiert in Ginsheim kein Kooperationsvertrag zwischen den Partnern.  Dies wurde vom Publikum mit Verwunderung zur Kenntnis genommen, obwohl im LebensAlter e.V. das Fehlen eines solchen Vertrages  bisher nicht als Defizit erlebt wird. Die Frage allerdings, wie sich in einem denkbaren Konfliktfall, z.B. im Bereich der Neubelegung einer Wohnung, das Fehlen des Kooperationsvertrages auswirken könne, konnte nicht eindeutig beantwortet werden.

Sehr interessant war bei der Vorstellung anderer Projekte die Frage nach der win-win-Situation: In welcher Weise profitieren die Partner voneinander? Hier waren sich die Bauträger der anderen anwesenden Projekte einig: das hohe Maß an Verantwortlichkeit und Identifikation der Bewohnerschaft habe zu einem deutlich pfleglicheren Umgang mit Gebäuden und Außenanlagen geführt. Weiterhin spielten Mieterstreitigkeiten, in die Vermieter sonst oft hineingezogen werden, hier keine Rolle. Außerdem sei der Verwaltungsaufwand bei Wohnungs-Neubelegungen wesentlich geringer als im normalen Wohnungsbestand. Und schließlich seien Wohnprojektgruppen reichhaltige Quellen für Innovation und die Entwicklung zukunftsorientierter Wohnformen.

Im Verlauf der ausführlichen Befragung des LebensAlter e.V. wurde noch ein weiterer Unterschied zu den meisten anderen Wohnprojekte deutlich: die Außenorientierung des Vereins als komplementärer Pol zu den vielfältigen hausinternen Aktivitäten. Der LebensAlter e.V. ist kein reiner Mieterverein wie z.B. Vis-a-Vis. Es gibt hier Vereinsmitglieder, die nicht im Wohnprojekt leben, sich aber dennoch an der Realisierung der Vereinsziele beteiligen wollen. Die erst kürzlich erfolgte Anerkennung der Gemeinnützigkeit ist im Wesentlichen durch kulturelle, soziale und gesellschaftspolitische Initiativen im Gemeinwesen begründet. Daraus ergibt sich ein anderer Akzent in der win-win-Frage. Georg Pape beantwortete sie  in erster Linie nicht im Blick auf die Baugenossenschaft, sondern stärker im Blick auf die Nachbarschaft in Wohnquartier und Kommune. Der Lebensalter e.V. werde in der Stadt Ginsheim-Gustavsburg von vielen als Bereicherung erlebt. In der abschließenden kurzen Präsentation von Fotos aus den ersten zweieinhalb Jahren Wohnprojekt in Ginsheim erregte im Publikum eine Aufnahme besondere Aufmerksamkeit: Nachbarinnen des Wohnprojektes überbringen Blumen und Geschenke zum Einzug – als Reaktion auf die intensive Kontaktaufnahme der Wohngruppe zur Nachbarschaft schon während der Bauzeit.

Der LebensAlter e.V. wird von vielen der Anwesenden als nachahmenswertes Vorbild wahrgenommen.